Allzu oft greifen Prüfungen noch immer zu kurz, wenn es darum geht, das Fachwissen von Lernenden genau zu erfassen. Sie verwechseln Lesefähigkeit mit Fachwissen und benachteiligen damit Lernende, deren Schwierigkeiten beim Entschlüsseln von Texten liegen und nicht beim Verständnis der Konzepte. Das Ergebnis? Schwache Leistungen, niedrige Abschlussquoten, mehr Stress und Ängste bei den Lernenden sowie ein Versäumnis, die dringend benötigten Talente von morgen zu fördern.
Echte Barrierefreiheit bedeutet, Prüfungen von Anfang an so zu gestalten, dass sie unterschiedlichen Lernbedürfnissen gerecht werden. Dieser Ansatz unterscheidet sich grundlegend davon, Barrierefreiheit erst nachträglich in einen fertigen Test einzubauen. Es geht darum, barrierefreie Prüfungen von Grund auf zu gestalten und dabei Technologien wie Text-to-Speech (TTS) einzusetzen, um faire Prüfungsumgebungen zu schaffen, in denen alle Lernenden ihr Wissen unter gleichen Bedingungen zeigen können.
In diesem Beitrag betrachten wir sowohl die Gestaltung barrierefreier Prüfungen als auch die praktische Umsetzung von Prüfungsbarrierefreiheit von Anfang an.
Warum klassische Prüfungsmodelle Barrieren für Lernende schaffen
Herkömmliche Prüfungsformate funktionieren nur, wenn alle Prüflinge über die gleichen Fähigkeiten verfügen.
- Eine Biologieprüfung, die schnelles Lesen verlangt, benachteiligt Lernende mit Legasthenie, obwohl die Lesegeschwindigkeit nichts mit dem Verständnis der Fotosynthese zu tun hat.
- Rein visuelle Inhalte hindern Lernende mit Sehbeeinträchtigungen daran, ihr Wissen über historische Ereignisse zu zeigen.
- Komplexe Navigationssysteme benachteiligen neurodivergente Lernende, deren Schwierigkeiten mit exekutiven Funktionen nichts über ihre Beherrschung mathematischer Konzepte aussagen.
Solche Barrieren führen zu Messfehlern. Die Prüfung erfasst dann, wie gut ein Lernender Hindernisse überwindet, statt sein Verständnis der Inhalte. Jemand versteht vielleicht anspruchsvolle Chemie, hat aber wegen einer Dysgrafie Mühe, eine schriftliche Prüfung unter Zeitdruck abzuschließen. Das niedrige Ergebnis spiegelt dann Schwierigkeiten beim Schreiben wider, nicht das Wissen in Chemie.
Besonders stark betroffen sind Lernende, die in einer Fremdsprache geprüft werden. Wenn eine Prüfung verlangt, gleichzeitig komplexes Englisch zu verarbeiten und Fachwissen zu zeigen, können Lernende, die den Stoff in ihrer Muttersprache verstehen, schwächer wirken, nur weil sie während der Prüfung übersetzen.
Am offensichtlichsten ist, dass dies die Ergebnisse verfälscht. Es verursacht aber auch erheblichen Stress, Frust und Ängste bei Lernenden, die immer wieder darum ringen, ihr Wissen zu zeigen. Weltweit leben inzwischen mehr als eine Milliarde Menschen mit psychischen Erkrankungen, so die Weltgesundheitsorganisation.
Prüfungen sind ein Bereich, in dem vergleichsweise einfache Schritte einen tiefgreifenden Unterschied machen können – nicht nur für die Lernergebnisse, sondern ganz allgemein für das Leben der Menschen.
Wie Universal Design for Learning die Prüfungspraxis verändert
Universal Design for Learning (UDL) bietet einen Rahmen, um Prüfungen von Anfang an für alle zu gestalten. Die drei Prinzipien von UDL lassen sich direkt auf Prüfungssituationen übertragen.
- Vielfältige Formen der Darstellung stellen sicher, dass Lernende Informationen in Formaten erhalten, die zu ihrem Lernprofil passen. TTS bietet zum Beispiel einen auditiven Zugang zu geschriebenen Inhalten, während visuelle Darstellungen Texterklärungen ergänzen.
- Vielfältige Formen des Handelns und des Ausdrucks ermöglichen es Lernenden, ihr Wissen auf unterschiedliche Weise zu zeigen. Manche überzeugen mündlich, andere bevorzugen schriftliche Antworten oder visuelle Darstellungen. Barrierefreie Prüfungen bieten Flexibilität dabei, wie Lernende ihr Wissen unter Beweis stellen.
- Vielfältige Formen der Beteiligung berücksichtigen, dass Motivation und Aufmerksamkeit von Lernenden zu Lernenden unterschiedlich sind. Wer das Tempo selbst steuern, die Oberfläche anpassen und das Prüfungsformat wählen kann, ist motivierter und weniger ängstlich.
Dieser Rahmen geht über das klassische Modell „eine Lernende, eine Anpassung“ hinaus. Statt für eine gedachte „durchschnittliche“ Lernende zu planen und anschließend für alle, die zusätzliche Unterstützung brauchen, gesonderte Anpassungen zu schaffen, bedeutet Fairness bei Prüfungen, Barrierefreiheit für alle neu zu denken. Die Frage verschiebt sich von „Kann die Lernende diesen Test überhaupt nutzen?“ hin zu „Misst dieser Test bei jeder Lernenden das, was er messen soll?“

Wie macht Text-to-Speech Online-Prüfungen barrierefreier?
TTS-Technologie unterstützt diesen Wandel, indem sie Lesebarrieren aus wissensbasierten Prüfungen entfernt. So können alle Lernenden ihr Verständnis zeigen, statt Texte entschlüsseln zu müssen.
- Wenn Lernende Prüfungsinhalte gleichzeitig sehen und hören, nutzen sie sowohl die visuelle als auch die auditive Verarbeitung. Dieser multimodale Ansatz verringert die kognitive Belastung und macht mentale Ressourcen für das Wesentliche frei: das Nachdenken über die eigentlichen Prüfungsfragen.
- Mit TTS bestimmen Lernende ihr eigenes Tempo. Sie können komplexe Passagen erneut anhören, dichte Fachinhalte verlangsamen oder vertrautes Material schneller durchgehen. Diese Tempokontrolle macht aus passivem Prüfungsverhalten eine aktive Auseinandersetzung mit den Inhalten.
- Lernende mit Legasthenie, Sehbeeinträchtigungen oder Leseschwierigkeiten können Prüfungen mithilfe von TTS eigenständig bearbeiten. Sie müssen weder auf eine vorlesende Person warten noch gesonderte Prüfungstermine beantragen. Die Technologie liefert sofortige, verlässliche Unterstützung genau dann, wenn sie gebraucht wird.
- Wenn Lernende TTS bereits im Alltag und beim Lernen mit Kursmaterialien nutzen, sorgt der Zugang zum selben Werkzeug während der Prüfung für Kontinuität zwischen Lernen und Bewertung. Diese Vertrautheit trägt wesentlich dazu bei, Prüfungsangst zu verringern. Wenn die Hilfsmittel über den gesamten Lernweg gleich bleiben, fühlen sich Prüfungen wie eine natürliche Fortsetzung des Lernens an und nicht wie eine völlig andere Situation.
Ein eindrucksvolles Beispiel dafür liefert die Stafford Grammar School, die ReadSpeaker TextAid eingebunden hat. Damit können Schülerinnen und Schüler verschiedener Jahrgänge im selben Klassenraum über ihre Laptops und Kopfhörer Prüfungen ablegen, und es wird nur eine aufsichtführende Lehrkraft benötigt. Zuvor waren dafür bis zu fünf Mitarbeitende nötig, um den unterschiedlichen Anpassungsbedarf abzudecken.
Davon profitieren Lernende und Personal an der gesamten Schule: Die Lernergebnisse verbessern sich, und es werden Lehrressourcen und Budgets frei.
Wie führen Bildungseinrichtungen barrierefreie Prüfungen ein?
Eine erfolgreiche Umsetzung beginnt damit, die Systeme zu prüfen, über die Prüfungen bereitgestellt werden. In vielen Einrichtungen gehören dazu sowohl Lernmanagementsysteme (LMS) wie Canvas, Moodle und D2L Brightspace als auch eigene Prüfungsplattformen für sichere oder besonders bedeutsame Prüfungen.
LMS-Plattformen unterstützen in der Regel Kursarbeit, Quizze und formative Bewertungen über den gesamten Lernweg hinweg. Viele Einrichtungen integrieren Hilfsmittel wie TTS direkt in diese Umgebungen. So können Lernende mit Prüfungsinhalten genauso arbeiten wie im täglichen Lernen.
Wenn dieselben Hilfsmittel sowohl beim Lernen als auch während der Prüfung verfügbar sind, bewegen sich Lernende in einer vertrauten Umgebung und müssen ihre Arbeitsweise mit den Inhalten nicht umstellen.
Die Penn Foster Group hat beispielsweise die TTS-Technologie von ReadSpeaker auf ihrer D2L-Brightspace-Plattform implementiert. Die Ergebnisse zeigten, wie wirkungsvoll barrierefreie Prüfungsgestaltung ist: Die Abschlussquoten innerhalb von 30 Tagen stiegen um 54 Prozent, und die Bearbeitungszeit für Prüfungen sank um 30 Prozent, von 13 auf 9 Tage.
„ReadSpeaker fügt sich wunderbar in unser lernerorientiertes und differenziertes Lernmodell ein … Die Kombination aus ReadSpeaker und Brightspace ermöglicht weitaus mehr multimodale Lernerfahrungen. Das macht einen riesigen Unterschied, wenn man keine Zeit hat, sich an den Computer zu setzen und zu lesen, oder wenn man von Natur aus eher auditiv lernt.“
— Andy Shean, Chief Learning Officer, Penn Foster Group
Für formelle oder regulierte Prüfungen nutzen Einrichtungen häufig spezialisierte E-Assessment-Plattformen, die eigens für die sichere Durchführung von Prüfungen entwickelt wurden. In solchen Umgebungen lassen sich Barrierefreiheitsfunktionen einbinden, ohne die Integrität der Prüfung zu gefährden.
Professional Assessment Ltd (PAL) hat beispielsweise die TTS-Technologie von ReadSpeaker in die E-Assessment-Plattform Cirrus integriert. So können Auszubildende und erwachsene Lernende Prüfungsinhalte vorlesen lassen, das Tempo anpassen und schwierige Passagen eigenständig erneut anhören.
Das Ergebnis ist nicht nur ein einheitlicheres Prüfungserlebnis, sondern auch mehr Selbstvertrauen bei den Lernenden und weniger Prüfungsangst – entscheidende Faktoren für faire Prüfungen.
„Ich war viel entspannter und gelassener und weniger gestresst wegen der Prüfung. Die Wörter waren klarer, denn ich habe Legasthenie … Das Hören hat mir sehr geholfen.“
— Auszubildende im Bereich Reinigung und Hygiene, Professional Assessment Ltd

Welche Ergebnisse bringt inklusive Prüfungsgestaltung Einrichtungen?
Messbar bessere Abschlussquoten sind ein starker Beleg für den Wert barrierefreier Prüfungen. Wenn Lernende Prüfungen reibungslos nutzen und abschließen können, kommen sie schneller durch ihre Programme. Das verbessert die Abschlusszahlen der Einrichtung und die Einnahmen aus Studiengebühren.
Eine kürzere Bearbeitungszeit für Prüfungen nützt Lernenden wie Einrichtungen. Schnelleres Abschließen bedeutet, dass Lernende früher die nächsten Kursinhalte erreichen und in ihrem Studium in Schwung bleiben. Einrichtungen können Lernende leichter durch jährliche Programme begleiten, ohne mehr Lehrressourcen einzusetzen.
Auch die Bearbeitung von Anpassungen wird effizienter, weil viele Lernende keine individuellen Prüfungsregelungen mehr benötigen. Klassische Anpassungsmodelle kosten viel Personalzeit: Unterlagen prüfen, gesonderte Prüfungstermine planen, vorlesende Personen koordinieren, Zeitverlängerungen verwalten. Universelles Design verringert diesen Aufwand, indem es Barrierefreiheit fest in die übliche Prüfungsumgebung einbaut.
Ein weiteres wichtiges Ergebnis ist die Sicherheit bei der Compliance. Einrichtungen sehen sich wachsenden rechtlichen Anforderungen an die digitale Barrierefreiheit gegenüber, etwa durch den Americans with Disabilities Act, den Individuals with Disabilities Education Act und ähnliche Regelungen weltweit. TTS-Technologie, die den Standard WCAG 2.1 Level AA erfüllt, sorgt für dokumentierte Compliance und verringert das rechtliche Risiko.
Auch die Zufriedenheit der Lehrkräfte steigt, wenn barrierefreie Gestaltung die Verwaltung von Anpassungen vereinfacht. Lehrende schätzen einheitliche Prüfungssysteme, die für alle Lernenden funktionieren, statt mehrere Versionen derselben Prüfung pflegen zu müssen. Diese Vereinfachung erlaubt es ihnen, sich auf Inhalte und Didaktik zu konzentrieren statt auf die Organisation von Anpassungen.
Das Fazit
Barrierefreie Prüfungsgestaltung, die TTS-Technologie mit den UDL-Prinzipien verbindet, sorgt dafür, dass jede Lernende ihr Wissen fair zeigen kann – und bietet dabei dasselbe barrierefreie Lernerlebnis von der Kursarbeit bis zur formellen Prüfung.
Einrichtungen, die inklusive Prüfungen gestalten, verzeichnen messbar bessere Abschlussquoten, weniger Verwaltungs- und Budgetaufwand, mehr Selbstvertrauen und Wohlbefinden bei den Lernenden sowie Sicherheit bei der Compliance. Vor allem aber hilft dieser Ansatz weit mehr Lernenden, ihr volles Lernpotenzial auszuschöpfen.
Häufig gestellte Fragen
Funktioniert Text-to-Speech in sicheren Prüfungsumgebungen und mit Lockdown-Browsern?
Ja. ReadSpeaker bietet eine Offline-TTS-Funktion, die innerhalb sicherer Prüfungsumgebungen mit Lockdown-Browsern arbeitet. Dank der Offline-Fähigkeit können Lernende auch bei beaufsichtigten Prüfungen ohne Internetverbindung auf TTS-Unterstützung zugreifen. So bleiben Barrierefreiheit und Prüfungssicherheit gewahrt.
Wie wahren barrierefreie Prüfungen die akademische Integrität und verhindern Täuschungsversuche?
Barrierefreie Gestaltung stärkt die akademische Integrität, statt sie zu gefährden. TTS bietet Zugang zur Prüfung selbst, nicht zu den Antworten. Lernende zeigen ihr Wissen weiterhin eigenständig. ReadSpeaker lässt sich in gängige Aufsichtssysteme integrieren und behält dabei dieselben Sicherheitsprotokolle wie klassische Prüfungen bei. Die Technologie schafft gleiche Voraussetzungen für alle, ohne unfaire Vorteile zu erzeugen.
Worin besteht der Unterschied zwischen barrierefreier Gestaltung und Prüfungsanpassungen?
Barrierefreie Gestaltung baut die Nutzbarkeit für unterschiedliche Lernende von vornherein in die Prüfung ein und macht so für viele besondere Anpassungen überflüssig. Klassische Anpassungen sind individuelle Änderungen, die erst nach Feststellung einer bestimmten Beeinträchtigung beantragt werden. Barrierefreie Gestaltung kommt von sich aus allen Lernenden zugute. Sie verringert den Verwaltungsaufwand für Anpassungen und erreicht zugleich Lernende, die Unterstützung brauchen, aber keinen formellen Nachweis haben.
Wie viel kostet es, Text-to-Speech für Prüfungen einer Einrichtung einzuführen?
Die Preise von ReadSpeaker richten sich nach der Größe der Einrichtung und dem Umfang des Einsatzes. Die meisten Implementierungen nutzen Abonnementmodelle, die sich an der Zahl der Lernenden oder am Inhaltsvolumen orientieren. Der Nutzen ergibt sich aus besseren Abschlussquoten, geringeren Supportkosten und einer besseren Einhaltung der Vorgaben.
Kann Text-to-Speech-Technologie mathematische Gleichungen und wissenschaftliche Notation in Prüfungen vorlesen?
Ja. ReadSpeaker unterstützt die Formate MathML, LaTeX und MathJax und sorgt so für die korrekte Aussprache von mathematischen Gleichungen, chemischen Formeln und wissenschaftlicher Notation. Ein integriertes Mathematikwörterbuch ermöglicht das korrekte Vorlesen technischer Inhalte über alle MINT-Fächer hinweg. So werden barrierefreie Prüfungen für alle Fachbereiche möglich.